Gerüst bei Sturm und Gewitter: Windlast, Netze, Planen und Sicherungen
Ein Gerüst trägt Menschen, Material und sich selbst – das ist gut berechenbar. Die eigentliche Herausforderung kommt von der Seite. Wind drückt auf der einen Seite, saugt auf der anderen, rüttelt an Netzen und Planen und sucht sich die schwächste Stelle: meist einen Gerüsthalter oder einen losen Gegenstand auf dem Belag. Wer versteht, wie Windlast entsteht, kann ein Gerüst gezielt auf Sturm vorbereiten und weiß, wann die Arbeit oben endet.
Auf einen Blick
- Die Windkraft wächst mit dem Quadrat der Windgeschwindigkeit: doppelt so viel Wind bedeutet etwa vierfache Last.
- Netze und vor allem Planen vergrößern die Angriffsfläche erheblich und verlangen ein engeres Ankerraster nach AuV.
- Vor einem angekündigten Sturm werden lose Teile entfernt, Klappen geschlossen und Bekleidung sowie Anker kontrolliert.
- Bei Gewitter wird die Arbeit sofort eingestellt und das Gerüst verlassen.
- Nach jedem Sturm wird das Gerüst vor der nächsten Benutzung durch eine befähigte Person geprüft.
Wie Wind auf ein Gerüst wirkt
Ein unbekleidetes Gerüst bietet dem Wind nur die Rohre, Rahmen und Beläge. Der größte Teil der Fläche ist offen, der Wind strömt hindurch. Trotzdem wirken spürbare Kräfte, und diese müssen über die Gerüsthalter in die Fassade geleitet werden. Ein Fassadengerüst ist schmal und hoch; ohne Verankerung würde es schon bei mäßigem Wind kippen.
Der Wind wirkt in zwei Richtungen. Weht er auf die Fassade zu, drückt er das Gerüst gegen das Gebäude. Weht er von der Gebäudeseite oder um die Ecke, entsteht Sog, der das Gerüst von der Wand wegzieht. Dieser Sog ist an Gebäudeecken und an der Dachkante besonders stark. Deshalb verlangen Aufbau- und Verwendungsanleitungen in Randbereichen oft zusätzliche Anker. Kräfte parallel zur Fassade nehmen die V-Halter auf; Einzelheiten zu Ankerarten finden Sie im Wiki unter Gerüsthalter und V-Halter.
Entscheidend ist die Geschwindigkeit. Der Staudruck des Windes, also der Druck, den er auf eine Fläche ausübt, steigt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Bei 50 km/h beträgt er grob 0,12 kN/m², bei 100 km/h schon rund 0,48 kN/m². Doppelte Windgeschwindigkeit heißt also ungefähr vierfache Kraft. Ein Gerüst, das an einem windigen Herbsttag ruhig steht, kann bei einer Sturmböe an seine Grenzen kommen.
Windstärken einordnen
Wetterdienste geben Windgeschwindigkeiten meist in km/h oder in Beaufort an. Für die Baustelle ist vor allem die Böe interessant, nicht der Mittelwind. Eine Vorhersage mit „mittlerer Wind 40 km/h, Böen bis 85 km/h“ ist eine Sturmwarnung, auch wenn es morgens noch ruhig aussieht.
| Beaufort | Název | km/h | Auswirkung auf der Baustelle |
|---|---|---|---|
| 6 | starker Wind | 39–49 | Planen schlagen, leichte Teile werden bewegt, Platten und Dämmstoffe schwer zu handhaben |
| 7 | steifer Wind | 50–61 | Gehen auf freien Lagen wird unangenehm, Montage großer Bauteile kaum noch kontrollierbar |
| 8 | stürmischer Wind | 62–74 | Zweige brechen, lose Gegenstände fliegen, Arbeit auf dem Gerüst in der Regel einstellen |
| 9 | Sturm | 75–88 | Dachziegel können sich lösen, hohe Kräfte auf bekleidete Gerüste |
| 10–12 | schwerer Sturm bis Orkan | od roku 89 | Schäden an Gebäuden und Bäumen, Gerüst muss vorher gesichert sein, Bereich meiden |
Ab welcher Windstärke Montage oder Arbeit auf dem Gerüst eingestellt wird, legt der Betrieb in seiner Gefährdungsbeurteilung fest. Manche Aufbau- und Verwendungsanleitungen nennen eigene Grenzwerte, etwa für das Anbringen von Planen oder für Fahrgerüste im Freien. Diese Vorgaben gehen vor. Die Spalte rechts ist eine Orientierung aus der Praxis, keine Vorschrift.
Netze und Planen: mehr Schutz, mehr Last
Gerüstnetze halten Staub, Farbnebel und kleine Teile zurück, Planen schützen zusätzlich vor Regen. Beide verwandeln das luftige Gerüst in eine Fläche, gegen die der Wind voll drücken kann. Ein Netz lässt einen Teil der Luft durch, eine Plane praktisch nichts. Die Last auf die Anker steigt dadurch um ein Vielfaches.
Ein Rechenbeispiel zur Größenordnung: Eine Fassade von 12 m Länge und 8 m Gerüsthöhe ist vollständig mit Plane bekleidet, das sind 96 m². Bei Böen von 100 km/h ergibt der Staudruck von rund 0,48 kN/m² eine Kraft von etwa 46 kN auf die gesamte Fläche – so viel, wie gut 4,5 Tonnen wiegen. Diese Kraft muss über die Gerüsthalter in die Wand. Die vereinfachte Überschlagsrechnung ersetzt keinen Nachweis, zeigt aber, warum bekleidete Gerüste anders verankert werden.
Daraus folgen klare Regeln:
- Die AuV enthält für unbekleidete, mit Netz bekleidete und mit Plane bekleidete Gerüste unterschiedliche Ankerraster. Das Raster für Planen ist das dichteste.
- Wer Netze oder Planen nachträglich anbringt, muss die Verankerung vorher anpassen lassen. Das ist ein Umbau und wird neu geprüft.
- Großflächige Werbeplanen oder Bekleidungen über die AuV hinaus brauchen in der Regel einen Einzelnachweis.
- Netze und Planen werden mit allen vorgesehenen Bindern befestigt. Wer nur jeden zweiten Ösenpunkt bindet, riskiert, dass die Plane reißt und zum Segel wird.
Mehr zu Materialien und Befestigung lesen Sie im Wiki-Eintrag Gerüstnetz und Gerüstplane. Wie das Ankerraster ermittelt und die Ankergüte geprüft wird, beschreibt der Ratgeber Gerüst verankern.
Vorbereitung auf einen angekündigten Sturm
Sturmwarnungen kommen in der Regel ein bis zwei Tage vorher. Diese Zeit sollten Sie nutzen. Arbeiten Sie die folgenden Schritte am letzten ruhigen Arbeitstag ab, nicht erst, wenn der Wind schon auffrischt:
- Material von den Belägen räumen: Dämmplatten, Putzsäcke, Eimer, Folien, Latten, Werkzeug. Alles, was der Wind anheben kann, kommt nach unten oder ins Gebäude.
- Abfall entsorgen: Schuttsäcke und lose Verpackungen auf dem Gerüst sind fliegende Gegenstände.
- Beläge kontrollieren: Alle Böden liegen und sind gegen Abheben gesichert. Lose aufgelegte Bohlen oder Bretter ohne Sicherung werden entfernt.
- Durchstiegsklappen schließen und Leitern sichern.
- Anker kontrollieren: Sind alle Gerüsthalter vorhanden, die das Raster verlangt? Wurden welche für Arbeiten entfernt, werden sie wieder gesetzt, bevor der Sturm kommt.
- Bekleidung prüfen: Netze und Planen straff und vollständig befestigt, keine eingerissenen Bahnen. Ob Planen vor Orkanlagen geöffnet oder abgenommen werden, entscheidet der Gerüstersteller nach AuV; eigenmächtig bei aufkommendem Wind zu hantieren, ist gefährlich.
- Wetterschutzdächer: nach den Vorgaben des Herstellers sichern. Kederdächer haben eigene Windgrenzen.
- Umfeld sichern: Bauzaunelemente beschweren und verbinden, Container schließen, Absperrungen kontrollieren.
- Zugang sperren: Sperrschild an den Zugängen, unterste Leiter abnehmen.
Auf privaten Baustellen fehlt oft der Blick dafür, was alles auf einem Gerüst liegt. Gehen Sie jede Lage einmal komplett ab. Eine einzelne Dachlatte, die im Sturm vom fünften Gerüstfeld fliegt, kann ein Auto beschädigen oder einen Menschen verletzen.
Schwachstellen, die bei Wind sichtbar werden
Bestimmte Stellen eines Gerüsts sind bei Sturm besonders gefordert. Wer sie kennt, schaut gezielt hin:
- Gerüstenden und Ecken: Hier wirkt der stärkste Sog, und hier fehlen erfahrungsgemäß am häufigsten Anker.
- Überstände über die Traufe: Gerüstteile, die über das Dach hinausragen, etwa eine Schutzwand am Dachfang, haben keine Wand hinter sich, an der sie sich abstützen können.
- Freistehende Abschnitte: Gerüste vor Giebeln, Lücken zwischen Gebäuden, Treppentürme neben dem Hauptgerüst.
- Schwacher Ankergrund: Gerüsthalter in altem Mauerwerk, in Dämmung oder in Fugen. Bei Sturm zeigt sich, ob die Dübel wirklich tragen.
- Weicher Untergrund: Starkregen vor oder nach dem Sturm weicht Böden auf. Sackt eine Fußspindel nach, verändert sich die Lastverteilung im ganzen Gerüst.
Gewitter: sofort herunter
Ein Gerüst aus Stahl oder Aluminium ist ein großer metallischer Körper, oft der höchste Punkt in der direkten Umgebung. Bei Gewitter gilt deshalb eine einfache Regel: Sobald Donner zu hören ist, wird die Arbeit eingestellt und das Gerüst verlassen. Warten Sie nicht, bis es in der Nähe einschlägt. Gewitterzellen ziehen schnell, und mit ihnen kommen Fallböen, die in wenigen Sekunden Sturmstärke erreichen können.
Suchen Sie Schutz im Gebäude oder in einem geschlossenen Fahrzeug mit Metallkarosserie, nicht unter dem Gerüst und nicht unter einem Schutzdach. Die Arbeit wird erst wieder aufgenommen, wenn das Gewitter deutlich abgezogen ist. Viele Betriebe arbeiten mit einer Wartezeit nach dem letzten Donner, die in der Gefährdungsbeurteilung festgelegt ist.
Ob ein Gerüst geerdet oder mit der Erdungsanlage des Gebäudes verbunden wird, ist eine Frage für die Planung und gehört in die Hand einer Elektrofachkraft. Bei hohen Gerüsten, exponierten Lagen oder langen Standzeiten lohnt es sich, das vorab zu klären. Eine Eigenkonstruktion mit Kabel und Erdspieß ersetzt keine fachgerechte Lösung.
Gewitter bringen oft Starkregen und Hagel. Danach ist der Untergrund aufgeweicht, Beläge sind rutschig, und auf den Lagen können Äste oder Dachziegel liegen. Auch das ist ein Grund für eine Prüfung, bevor wieder jemand hinaufsteigt.
Fahrgerüste und Rollgerüste bei Wind
Ein Fahrgerüst ist nicht an der Fassade verankert. Seine Standsicherheit kommt aus der Grundfläche, aus Auslegern und gegebenenfalls Ballast. Wind trifft es deshalb besonders. Die Aufbau- und Verwendungsanleitung nennt für den Einsatz im Freien niedrigere zulässige Höhen als für Hallen und meist eine Windgrenze für die Benutzung. Darüber hinaus gelten einfache Regeln:
- Bei aufkommendem Wind nicht mehr verfahren; Rollenbremsen fest, Ausleger montiert.
- Kein Planen oder Netz an ein Rollgerüst hängen, wenn die AuV das nicht ausdrücklich vorsieht.
- Nach Feierabend und vor angekündigtem Sturm das Gerüst an einen geschützten Ort fahren, an einem tragfähigen Bauteil sichern oder abbauen.
Wann ein Fahrgerüst überhaupt die richtige Wahl ist, besprechen wir im Beitrag Fassadengerüst oder Fahrgerüst.
Nach dem Sturm: Prüfen vor dem Betreten
Ein Sturm ist ein außergewöhnliches Ereignis im Sinne der Regeln für Gerüste. Das heißt: Bevor wieder jemand das Gerüst benutzt, prüft eine befähigte Person, ob es noch dem freigegebenen Zustand entspricht. Diese Prüfung ist keine Formsache. Achten Sie besonders auf:
- Gerüsthalter: fest, unverbogen, Dübel nicht herausgezogen, keine Risse im Ankergrund,
- Bekleidung: Risse, gelöste Binder, verrutschte Bahnen,
- Beläge: verschoben, abgehoben, Bordbretter fehlen,
- Lot und Flucht: Ist das Gerüst irgendwo aus der Senkrechten gekommen?
- Fußpunkte: Spindeln gesackt, Unterlagen unterspült,
- Fremdkörper: Äste, Ziegel, Planenreste auf den Lagen.
Das Ergebnis kommt ins Prüfprotokoll. Was dazu gehört und wer prüfen darf, steht ausführlich im Beitrag Gerüstprüfung und Prüfprotokoll. Beschädigte Teile werden ausgetauscht, nicht zurechtgebogen. Ersatz für einzelne Bauteile wie Gerüsthalter, Böden oder Geländer finden Sie unter Gerüstteile.
Wer auf der Baustelle was übernimmt
Bei Sturm verlässt sich oft jeder darauf, dass ein anderer sich kümmert. Klare Zuständigkeiten verhindern das. Bewährt hat sich folgende Aufteilung, die Sie zu Beginn der Baustelle schriftlich festhalten sollten:
- Bauherr oder Bauleitung: beobachtet die Wetterwarnungen, informiert alle Gewerke rechtzeitig und legt fest, wann die Baustelle gesichert wird.
- Gerüstersteller: ist für Anker, Bekleidung und alle Änderungen am Gerüst zuständig und prüft nach dem Sturm.
- Nutzende Gewerke: räumen ihr Material und ihren Abfall von den Lagen, setzen nichts eigenmächtig um und melden Schäden.
- Bei privaten Bauvorhaben mit eigenem Gerüst: liegen diese Aufgaben in der Regel beim Eigentümer, der das Gerüst aufgestellt hat. Wer selbst keine Erfahrung hat, holt sich für die Kontrolle nach dem Sturm fachkundige Hilfe.
Hinterlegen Sie außerdem eine Telefonnummer, unter der jemand erreichbar ist, wenn Nachbarn nachts eine schlagende Plane melden.
Häufige Fehler bei Wind und Wetter
- Planen „mal eben“ anbringen: ohne die Verankerung anzupassen. Das ist der klassische Weg zu einem umgestürzten Gerüst.
- Anker entfernt und vergessen: Für Putz- oder Dämmarbeiten abgenommene Halter werden vor dem Wochenende nicht wieder gesetzt.
- Material auf den Lagen über Nacht: Dämmplatten und Folien werden zu Geschossen.
- Arbeiten bis zum letzten Moment: Wer erst bei Sturmböen anfängt, Planen zu sichern, bringt sich selbst in Gefahr.
- Nach dem Sturm einfach weitermachen: Das Gerüst „sieht gut aus“, wird aber nicht geprüft.
- Bei Gewitter unter dem Gerüst warten: Ein Gerüst ist kein Schutzraum.
Unsere Empfehlung
Machen Sie den Wetterbericht zum Teil Ihrer Bauplanung. Prüfen Sie jeden Morgen die Böenvorhersage, nicht nur den Mittelwind. Lassen Sie Netze und Planen nur anbringen, wenn das Ankerraster dafür ausgelegt ist, und kontrollieren Sie vor jedem Wochenende, ob alle Gerüsthalter sitzen und die Lagen leer sind. Bei Donner gilt: herunter, und zwar sofort. Nach einem Sturm bleibt das Gerüst gesperrt, bis es geprüft ist. Wie genau die Regeln aus BetrSichV, TRBS 2121-1 und DGUV Information 201-011 auf Ihre Baustelle anzuwenden sind, klären Sie im Zweifel mit Ihrer Berufsgenossenschaft oder einer Fachkraft für Arbeitssicherheit; dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.