Gerüst im Sommer: Hitze, UV, Gewitterlagen und lange Standzeiten
Im Sommer stehen die meisten Gerüste. Fassaden werden gestrichen, Dächer neu gedeckt, Fenster getauscht, und viele Gerüste bleiben von Mai bis September an derselben Wand. Das Wetter scheint ideal: trocken, hell, lange Tage. Trotzdem bringt die warme Jahreszeit eigene Risiken mit sich. Sie betreffen die Menschen auf dem Gerüst, das Material, das Wochen in der Sonne steht, und das Gerüst als Ganzes, an dem über die Saison immer wieder Kleinigkeiten verändert werden.
Auf einen Blick
- Hitze und UV-Strahlung belasten die Menschen auf dem Gerüst stärker als am Boden; Arbeitszeiten, Trinken, Schatten und Schutzkleidung gehören in die Planung.
- Netze, Planen und Kunststoffbinder altern unter UV-Licht und können nach einer Saison spröde sein.
- Weicher Asphalt und ausgetrocknete Böden verändern die Fußpunkte; nach Starkregen auf trockenem Boden drohen Ausspülungen.
- Sommergewitter kommen schnell und bringen Fallböen. Material wird abends von den Lagen geräumt.
- Lange Standzeiten verlangen regelmäßige Kontrollen, weil sich Veränderungen durch die Gewerke summieren.
Hitze auf dem Gerüst: warum es oben wärmer ist
Auf einem Fassadengerüst ist es an sonnigen Tagen spürbar heißer als auf der Straße. Die Fassade speichert Wärme und strahlt sie zurück, Stahlböden und Rahmen heizen sich in der Sonne auf, und vor einer Südwand steht die Luft. Kommt eine Plane oder ein dichtes Netz hinzu, fehlt auch noch der Luftzug. Wer auf der obersten Lage einer Südfassade arbeitet, sitzt in einem Wärmestau.
Metallteile können in direkter Sonne so heiß werden, dass man sie ohne Handschuhe nur kurz anfassen kann. Das betrifft Geländer, Leitern und die Rahmen beim Montieren. Ein unbedachter Griff an ein aufgeheiztes Geländer führt zu Schreckreaktionen, und die sind auf einem Gerüst gefährlich.
Der Arbeitgeber muss Hitze in seiner Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen. Bewährt haben sich diese Maßnahmen:
- Arbeitszeit verlegen: früh beginnen, die Mittagsstunden für Arbeiten im Schatten oder am Boden nutzen.
- Fassadenseiten tauschen: vormittags an der West-, nachmittags an der Ostseite arbeiten, wenn der Ablauf es zulässt.
- Trinkwasser bereitstellen: ausreichend und gut erreichbar, nicht im aufgeheizten Fahrzeug.
- Pausen im Schatten: regelmäßig und nicht erst, wenn jemand schwindlig wird.
- Handschuhe für die Montage und das Greifen von Geländern.
- Auf Kollegen achten: Kopfschmerz, Übelkeit und Verwirrtheit sind Warnzeichen. Wer betroffen ist, kommt sofort vom Gerüst, aber geführt und nicht allein über die Leiter.
Auch der Auf- und Abbau selbst ist im Sommer Schwerarbeit. Ein Stellrahmen aus Stahl wiegt rund 20 kg, ein Stahlboden von 3 m Länge ähnlich viel. Wer bei 32 Grad im Schatten einige hundert Teile von Hand nach oben reicht, ist nach wenigen Stunden erschöpft, und mit der Erschöpfung steigt die Fehlerquote. Ein Materialaufzug, kürzere Montageabschnitte und ein früher Arbeitsbeginn machen den Unterschied. Wer ohnehin vor der Wahl des Materials steht, kann das Gewicht in die Entscheidung einbeziehen; Anhaltspunkte liefert der Beitrag Alu- oder Stahlgerüst.
UV-Strahlung: Schutz für Haut und Augen
Wer auf dem Gerüst arbeitet, ist der Sonne näher und oft ohne jeden Schatten. Die UV-Belastung ist bei Arbeiten im Freien hoch; Hautkrebs durch natürliche UV-Strahlung ist in Deutschland als Berufskrankheit anerkannt. Lange, leichte Kleidung, eine Kopfbedeckung mit Nackenschutz oder ein Schutzhelm mit Nackenschutz, Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor und eine Sonnenbrille gehören im Sommer zur Ausstattung. Helle Fassaden und frisch gestrichene Flächen reflektieren das Licht zusätzlich.
Wo es passt, kann ein Netz am Gerüst Schatten spenden. Das verbessert die Bedingungen für die Arbeiter und für viele Beschichtungen, die bei direkter Sonne zu schnell trocknen. Dabei gilt: Ein Netz verändert die Windlast. Es darf nur angebracht werden, wenn das Ankerraster dafür ausgelegt ist. Mehr zu den Materialien finden Sie im Wiki-Eintrag Gerüstnetz und Gerüstplane; wie Netze bei Malerarbeiten eingesetzt werden, beschreibt der Beitrag Malerarbeiten an der Fassade.
Was die Sonne mit dem Material macht
Stahl und Aluminium halten Sonne problemlos aus. Andere Bestandteile eines Gerüsts sind weniger robust:
| Komponentas | Wirkung von Sonne und Hitze | Worauf achten |
|---|---|---|
| Gerüstnetze und Planen | UV-Strahlung macht das Gewebe mit der Zeit spröde, die Reißfestigkeit sinkt | vor erneutem Einsatz auf Risse, ausgerissene Ösen und brüchige Stellen prüfen |
| Kabelbinder und Einmalbinder | werden hart und brechen bei Belastung | bei langen Standzeiten Befestigung kontrollieren, UV-beständige Binder verwenden |
| Holzbohlen und Holzbeläge | trocknen aus, reißen auf, verziehen sich | auf Längsrisse, Verwerfungen und lose Beschläge prüfen |
| Kunststoffteile, Rollenbeläge | können verspröden oder sich verformen | bei Fahrgerüsten Rollen und Bremsen kontrollieren |
| Kennzeichnungsschilder | bleichen aus, werden unleserlich | bei langen Standzeiten erneuern |
Die Längenänderung von Stahl durch Wärme spielt beim Gerüst kaum eine Rolle. Ein durchgehender Stahlzug von 30 m Länge wird bei 30 Grad Temperaturunterschied um rund einen Zentimeter länger, verteilt auf viele Felder und Steckverbindungen. Das gleichen die Verbindungen aus. Wichtiger ist, dass Gerüstnetze und Planen nach einer Sommersaison kritisch angeschaut werden, bevor sie wieder an eine Fassade kommen. Zu Holz-, Stahl- und Alubelägen gibt es einen eigenen Beitrag: Gerüstbeläge prüfen.
Untergrund im Sommer: weicher Asphalt, trockene Böden
An heißen Tagen wird Asphalt weich. Eine Fußplatte, die auf blankem Asphalt steht, kann sich unter Last langsam eindrücken. Das passiert nicht bei jedem Belag und nicht an jedem Tag, aber auf dunklen Flächen in der vollen Sonne ist es ein echtes Thema. Eine ausreichend große lastverteilende Unterlage unter jeder Fußspindel verhindert das und schont nebenbei den Belag von Gehwegen und Hofeinfahrten.
Lehmige Böden trocknen im Sommer aus und bekommen Risse. Sie tragen dann oft gut, sind aber nicht gleichmäßig. Gefährlich wird es, wenn nach Wochen der Trockenheit ein Starkregen fällt. Das Wasser läuft oberflächlich ab, spült Material unter den Unterlagen weg oder weicht den Boden schlagartig auf. Kontrollieren Sie die Fußpunkte nach jedem kräftigen Regen. Achten Sie besonders auf Stellen, an denen Fallrohre ohne Anschluss an die Kanalisation enden oder an denen Wasser von einer Pflasterfläche abläuft.
Steht das Gerüst auf Rasen oder einem Beet, wird der Boden darunter nach einigen Wochen ohne Licht weich und feucht, während die Fläche daneben ausdörrt. Heben Sie die Unterlagen nicht einfach an, um den Rasen zu retten. Jede Veränderung an den Fußpunkten eines stehenden Gerüsts ist ein Eingriff in die Lastabtragung und gehört in die Hand dessen, der das Gerüst aufgebaut hat. Planen Sie lieber vorher breite Bohlen als Unterlage ein, die den Druck verteilen und den Rasen weniger schädigen.
Sommergewitter: wenn es schnell gehen muss
Im Sommer entstehen Gewitter oft aus heiterem Himmel. Morgens ist es klar, gegen Nachmittag türmen sich die Wolken, und innerhalb einer halben Stunde ziehen Sturmböen über die Baustelle. Diese Fallböen erreichen kurzzeitig Windgeschwindigkeiten, die man sonst nur von Herbststürmen kennt. Die Vorbereitung muss deshalb schneller gehen als im Winter, wo sich Sturmtiefs Tage vorher ankündigen.
- Morgens die Gewitterwahrscheinlichkeit und Warnungen für den Landkreis prüfen.
- Bei erhöhter Gewitterlage nur so viel Material auf die Lagen holen, wie bis zum Mittag verarbeitet wird.
- Planen und Folien, die zum Abdecken von Fenstern oder Material dienen, gut befestigen oder nach Gebrauch abnehmen.
- Bei Donner die Arbeit sofort einstellen und das Gerüst verlassen.
- Nach dem Gewitter: Fußpunkte, Bekleidung und Beläge kontrollieren, bevor wieder jemand hinaufsteigt.
Ausführlich zu Windlast, Bekleidung und dem richtigen Verhalten bei Gewitter steht alles im Beitrag Gerüst bei Sturm und Gewitter.
Lange Standzeiten: wie sich Mängel einschleichen
Ein Gerüst, das vier Monate an einer Fassade steht, ist am Ende selten noch genau das Gerüst, das am ersten Tag freigegeben wurde. Der Putzer nimmt einen Gerüsthalter ab, um die Fläche dahinter zu bearbeiten. Der Maler hebt ein Geländer aus, um Eimer hereinzuheben. Der Fensterbauer schiebt Böden zur Seite. Jede Maßnahme für sich ist schnell gemacht, aber nicht jede wird zurückgebaut.
Deshalb sind bei langen Standzeiten neben der täglichen Sichtkontrolle feste Prüftermine sinnvoll. Die Abstände legt der Arbeitgeber in seiner Gefährdungsbeurteilung fest. Zusätzlich wird nach jedem Umbau, nach Unwettern und nach längeren Pausen geprüft, etwa wenn die Baustelle in den Werksferien zwei Wochen ruht. Was dabei angeschaut wird und wie das dokumentiert wird, steht im Beitrag Gerüstprüfung und Prüfprotokoll.
Bei einer Zwischenprüfung nach einigen Wochen lohnt sich ein gezielter Blick auf die Punkte, die sich im Baustellenalltag typischerweise verändern:
- Sind alle Gerüsthalter laut Ankerplan vorhanden, und sitzen die Ringschrauben noch fest?
- Sind Seitenschutz und Bordbretter an allen Lagen und Stirnseiten vollständig?
- Liegen alle Böden, und sind keine fremden Bretter als Ersatz eingebaut?
- Hat sich der Wandabstand durch Dämmung oder Putz verändert?
- Sind Netze und Planen noch vollständig und straff befestigt?
- Ist die Kennzeichnung an den Zugängen noch lesbar und aktuell?
Ein konkretes Beispiel für die Planung: An einem Mehrfamilienhaus mit 20 m Fassadenlänge und 12 m Höhe laufen nacheinander Dämmung, Putz und Anstrich. Für jedes Gewerk ändert sich der ideale Wandabstand. Vor der Dämmung muss Platz für die Platten sein, danach liegt der Belag womöglich zu weit von der neuen Oberfläche entfernt. Hier sind Innenkonsolen und ein Umbautermin einzuplanen, statt dass jedes Gewerk sich das Gerüst selbst zurechtrückt. Hintergrund dazu liefert der Beitrag Gerüst für die Fassadensanierung.
Natur am Gerüst: Pflanzen, Insekten, Vögel
Im Sommer wächst und lebt einiges am Gerüst mit. Was nebensächlich klingt, hat praktische Folgen:
- Pflanzen: Hecken, Kletterpflanzen und Äste wachsen ins Gerüst. Sie drücken auf Netze, verdecken Mängel und dienen als Kletterhilfe für Unbefugte. Zurückschneiden, bevor sie die Nutzung behindern.
- Wespen: In offenen Rohrenden, unter Planen oder in Hohlräumen von Konsolen bauen Wespen gerne Nester. Ein Stich in einer ungünstigen Position auf der Leiter kann zum Sturz führen. Rohrenden kontrollieren und Nester von Fachleuten entfernen lassen.
- Brütende Vögel und Fledermäuse: Fassaden sind Lebensraum, gerade unter Traufen und in Mauerritzen. Werden dort bei einer Sanierung Nester oder Quartiere entdeckt, kann das naturschutzrechtliche Folgen haben. Ansprechpartner ist die zuständige Naturschutzbehörde, am besten schon vor Baubeginn.
Sommerurlaub und leere Häuser: Sicherheit am Gerüst
Im Sommer stehen viele Häuser in den Ferien leer, Fenster werden zum Lüften gekippt, und abends ist es lange hell. Ein Gerüst am Haus ist eine bequeme Leiter bis in den zweiten Stock. Nehmen Sie die unterste Leiter am Abend ab, sperren Sie den Zugang und schließen Sie Fenster, die vom Gerüst aus erreichbar sind. Weitere Maßnahmen gegen Einbruch und Materialdiebstahl beschreibt der Beitrag Gerüst gegen Diebstahl und unbefugtes Betreten sichern. Prüfen Sie auch, ob Ihre Hausratversicherung Einbrüche über ein Gerüst gesondert behandelt; das ist eine Frage an den Versicherer.
Checkliste für die Bausaison
- Arbeitszeiten und Pausen an die Hitze anpassen, Trinkwasser bereitstellen.
- Sonnenschutz für Haut, Kopf und Augen bereithalten.
- Unterlagen unter alle Fußspindeln, besonders auf Asphalt.
- Fußpunkte nach Starkregen kontrollieren.
- Netze und Planen vor dem Einsatz auf UV-Schäden prüfen, Binder bei langer Standzeit nachkontrollieren.
- Bei Gewitterlage Material knapp halten und abends abräumen.
- Feste Prüftermine bei langen Standzeiten, zusätzlich nach Umbau, Unwetter und Pausen.
- Pflanzen zurückschneiden, Rohrenden auf Wespennester kontrollieren.
- Zugang abends sperren, erreichbare Fenster schließen.
Unsere Empfehlung
Nutzen Sie die Bausaison, aber planen Sie die Hitze mit ein. Legen Sie Arbeiten an Südfassaden in die Morgenstunden, sorgen Sie für Wasser, Schatten und Pausen, und schauen Sie aufeinander. Setzen Sie bei jedem Gerüst Unterlagen unter die Fußspindeln, auch auf Asphalt. Kontrollieren Sie Netze und Planen nach jeder Saison, bevor sie wieder zum Einsatz kommen. Und wenn das Gerüst länger steht, vereinbaren Sie feste Prüftermine mit dem Gerüstersteller. Die Pflichten nach BetrSichV, TRBS 2121-1 und DGUV Information 201-011 gelten unabhängig von der Jahreszeit; im Zweifel helfen Berufsgenossenschaft oder Fachkraft für Arbeitssicherheit weiter. Wenn Sie für die Saison Material ergänzen oder ein eigenes Gerüst anschaffen möchten, finden Sie fertige Zusammenstellungen unter Gerüstpakete und eine erste Mengenschätzung im Gerüstkalkulator.