Gerüst bei der Dachsanierung: Fanggerüst, Schutzwand und Materialtransport

Auf einem Steildach steht niemand gerade. Wer abrutscht, rutscht bis zur Traufe und darüber hinaus, wenn nichts ihn aufhält. Genau deshalb steht das Gerüst bei einer Dachsanierung nicht vor allem zum Arbeiten an der Fassade, sondern als Auffangeinrichtung an der Absturzkante. Gleichzeitig ist es der Umschlagplatz für das Material: Alte Ziegel, Lattung und Dämmung müssen herunter, neue Eindeckung und Dämmstoffe hinauf. Dieser Beitrag zeigt, wie ein Gerüst beide Aufgaben erfüllt, und welche Fragen Sie vor dem Aufbau mit dem Dachdecker klären.

Auf einen Blick

  • An der Traufe wird das Gerüst zum Dachfanggerüst mit Schutzwand. Der Belag liegt dabei höchstens 1,5 m unter der Traufkante.
  • Auch am Giebel und an Gauben gibt es Absturzkanten, die gesichert werden müssen.
  • Eine Neueindeckung bewegt mehrere Tonnen Material. Aufzug und Schuttrutsche gehören in die Planung.
  • Das Gerüst muss stehen, bevor das erste Ziegelfeld geöffnet wird, und wird erst nach dem letzten Handgriff am Dach abgebaut.

Warum das Dach ein eigenes Gerüst braucht

Ein Fassadengerüst schützt Personen, die auf seinem Belag stehen. Bei der Dachsanierung stehen die meisten Personen aber auf dem Dach, oberhalb des Gerüsts. Für sie muss das Gerüst wie ein Auffangnetz wirken: Wer auf dem Dach ausrutscht, soll auf dem Belag landen und von einer Schutzwand gehalten werden, statt über die Kante zu fallen. Diese Funktion nennt man Dachfang, das Gerüst entsprechend Dachfanggerüst.

Ab welcher Dachneigung und welcher Absturzhöhe eine solche Auffangeinrichtung vorgeschrieben ist, regeln die Vorschriften der Unfallversicherungsträger und die TRBS 2121-1. Bei einem üblichen Steildach eines Einfamilienhauses mit einer Traufhöhe von mehreren Metern ist sie praktisch immer erforderlich. Alternativen wie Anschlageinrichtungen mit persönlicher Schutzausrüstung kommen nur infrage, wo ein Gerüst technisch nicht möglich ist, und erfordern Unterweisung und Rettungskonzept.

Das Dachfanggerüst an der Traufe

Ein Dachfanggerüst ist im Kern ein Fassadengerüst, dessen oberste Lage auf die Traufe abgestimmt ist. Drei Maße bestimmen seine Wirkung:

  1. Höhe des Belags: Der oberste Belag darf höchstens 1,5 m unter der Traufkante liegen. Bei 6 m Traufhöhe liegt er also bei mindestens 4,5 m. Liegt er tiefer, fällt eine abrutschende Person zu weit und der Aufprall wird zu hart.
  2. Breite des Belags: Der Belag muss breit genug sein, um eine Person aufzufangen. Ein 0,73 m breites Rahmengerüst wird dafür oft mit einer Konsole nach außen oder innen ergänzt, je nach Dachüberstand und Vorgabe der AuV.
  3. Schutzwand: Über dem Belag steht eine Schutzwand aus Netz oder Gitter, die an der Traufe deutlich über die Dachfläche hinausragt. Höhe und Abstand zur Traufe ergeben sich aus Dachneigung, Regelwerk und AuV. Je steiler das Dach, desto höher muss sie sein.

Ein Rechenbeispiel: Das Haus hat 6 m Traufhöhe, die Fußspindeln stehen auf 0,3 m Auszug, die Rahmen sind 2 m hoch. Die Beläge liegen damit auf etwa 2,3 m und 4,3 m. Bis zur Traufkante sind es von 4,3 m aus 1,7 m, also zu viel. Mit einem Ausgleichsrahmen von 1 m Höhe in der untersten Lage liegen die Beläge auf 3,3 m und 5,3 m. Der Abstand zur Traufkante beträgt dann 0,7 m. Solche Überlegungen lassen sich vor dem Aufbau auf dem Papier erledigen und sparen am Bau das Umstecken einer ganzen Lage.

Weitere Details und passende Zusammenstellungen finden Sie auf unserer Seite zum Dachfanggerüst. Wie Schutzwand und Netz aufgebaut sind, beschreibt der Wiki-Eintrag Schutzwand und Dachfang.

Dachüberstand und Abstand zur Wand

Viele Häuser haben an der Traufe einen Dachüberstand von 40 bis 80 cm. Das Gerüst kann dort nicht einfach in voller Höhe an der Wand stehen, weil die oberste Lage gegen Sparren und Traufkasten stoßen würde. Für den Dachfang ist das sogar unerwünscht: Der Belag soll unter und vor der Traufkante liegen, damit eine abrutschende Person darauf landet. Das Gerüst wird deshalb so weit von der Wand entfernt gestellt, dass die Schutzwand außen vor der Traufe steht. Der Spalt zwischen Belag und Fassade wird in den unteren Lagen mit Innenkonsolen geschlossen, damit dort weiterhin sicher gearbeitet werden kann. Messen Sie den Überstand vor der Bestellung an mehreren Stellen nach. Bei älteren Häusern weicht er an einer Hausseite oft um einige Zentimeter von der anderen ab.

Absturzkanten am Giebel, an Gauben und am Flachdach

Die Traufe ist nicht die einzige Kante. Am Ortgang, also an der seitlichen Dachkante über dem Giebel, kann ebenfalls jemand abstürzen. Hier hilft ein Gerüst an der Giebelseite, das mit seinem Seitenschutz über die Dachkante hinausragt. Es folgt der Schräge in abgestuften Lagen. An jeder Abstufung braucht es Stirngeländer und Bordbretter.

Weitere Kanten entstehen durch Gauben, Dachfenster und Öffnungen, die während der Sanierung entstehen. Eine geöffnete Dachfläche ohne Lattung ist eine Absturzstelle ins Hausinnere. Diese Bereiche sichert der Dachdecker mit Abdeckungen oder Seitenschutz, das Gerüst allein reicht dort nicht.

Bei einem Flachdach oder einem flach geneigten Anbau gibt es keine Rutschbewegung zur Kante. Hier genügt in der Regel ein Seitenschutz an der Dachkante. Das Gerüst wird so hoch geführt, dass Geländer und Zwischenholm die Kante um das vorgeschriebene Maß überragen, oder der Seitenschutz wird direkt an der Attika befestigt.

Materialmengen: was bei einer Neueindeckung bewegt wird

Die Menge an Material wird fast immer unterschätzt. Ein Rechenbeispiel für ein Mehrfamilienhaus mit 12 × 18 m Grundfläche und Satteldach mit 35 Grad Neigung:

  • Die Sparrenlänge je Dachseite beträgt bei 6 m halber Hausbreite und 35 Grad rund 6 m geteilt durch 0,82, also etwa 7,3 m.
  • Zwei Dachseiten mit je 18 m Länge ergeben rund 264 m². Mit Dachüberständen sind es rund 290 m².
  • Ton- oder Betondachsteine wiegen grob 40 bis 50 kg je m² Dachfläche.
  • Für 290 m² sind das rund 11,5 bis 14,5 Tonnen neue Eindeckung nach oben und etwa gleich viel Altmaterial nach unten.

Hinzu kommen Lattung, Unterspannbahn und bei einer energetischen Sanierung Dämmplatten in großem Volumen. Kein Mensch trägt das über die Leiter. Für das Gerüst bedeutet das: Es braucht eine Übergabestelle für einen Aufzug und eine Möglichkeit, Altmaterial abzuwerfen.

Aufzug, Übergabestelle und Schuttrutsche

Dachdecker arbeiten meist mit einem Schrägaufzug, der vom Boden bis über die Traufe reicht. Die Plattform fährt auf einer Leiterschiene schräg nach oben, die Ziegel werden direkt auf das Dach oder auf das Gerüst übergeben. Für das Gerüst sind dabei drei Punkte wichtig:

  • Öffnung im Seitenschutz: An der Übergabestelle wird der Seitenschutz nur so weit und so lange geöffnet wie nötig. Viele Lösungen arbeiten mit einem schwenkbaren oder einhängbaren Geländer.
  • Last an der Übergabestelle: Wer Ziegelpakete auf dem Belag absetzt, bringt dort Punktlasten auf. Das Feld an der Übergabe muss die Lastklasse sicher erreichen, Pakete werden sofort verteilt oder direkt aufs Dach gebracht.
  • Freier Fahrweg: Der Aufzug darf nicht mit Gerüstbauteilen, Haltern oder Netzen kollidieren.

Für das Altmaterial ist eine Schuttrutsche bis in den Container der übliche Weg. Sie wird am Gerüst befestigt und nimmt die alten Ziegel direkt vom Dach oder vom Belag auf. Wer alte Ziegel einfach über die Schutzwand wirft, riskiert Schäden an Netz, Gerüst und allem, was darunter steht. Bei Faserzementplatten aus älteren Baujahren klären Sie vorab, ob asbesthaltiges Material vorliegt. Dann gelten eigene Regeln für Ausbau und Entsorgung, und ein Fachbetrieb muss hinzugezogen werden.

Schutz unten und Wetterschutz oben

Unter einem Dach in Sanierung fällt immer etwas herunter: ein Ziegelbruchstück, eine Latte, ein Nagel. Über Hauseingängen, Terrassen und Gehwegen gehört deshalb ein Schutzdach an das Gerüst, oder der Bereich wird abgesperrt. Netze an der Außenseite halten kleinere Teile zurück.

Oben stellt sich die Frage nach dem Wetter. Ein geöffnetes Dach ist für Regen offen. Bei kleinen Flächen arbeiten Dachdecker abschnittsweise und schließen jeden Abschnitt am Abend mit Folie. Bei größeren Projekten oder in unsicheren Jahreszeiten kann ein Wetterschutzdach über dem gesamten Dach sinnvoll sein. Es wird auf dem Gerüst abgetragen und erhöht dessen Belastung durch Wind und Schnee erheblich. Ein solches Dach erfordert eine eigene statische Bemessung und gehört in die Hand von Fachleuten.

Ablauf einer Dachsanierung mit Gerüst

PhaseRolle des GerüstsWorauf Sie achten
AufbauDachfang, Giebelgerüst, SchutzwandBelaghöhe zur Traufe, Prüfung vor Freigabe
AbdeckenSchuttrutsche, AuffangeinrichtungAltmaterial nicht auf dem Belag sammeln
Dachstuhl, DämmungArbeitsplatz an Traufe und Ortgangoffene Dachflächen gesondert sichern
NeueindeckungAufzug, Übergabe, DachfangZiegelpakete sofort verteilen
Rinne, Bleche, AnschlüsseArbeitsplatz unter der TraufeSchutzwand bleibt bis zum Schluss
Abbauvon oben nach untenDach vorher vollständig geschlossen

Ein Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit: die Reihenfolge am Ende. Nach dem Eindecken kommen Dachrinne, Fallrohre und Anschlussbleche. Für diese Arbeiten wird die Schutzwand manchmal als hinderlich empfunden. Sie bleibt trotzdem stehen, bis niemand mehr auf dem Dach arbeitet. Wie Sie die Traufe für Rinnenarbeiten erreichen, beschreibt unser Beitrag zur Dachrinnenmontage.

Wer aufbaut, wer prüft, wer nutzt

Bei einer Dachsanierung sind oft mehrere Parteien am Gerüst beteiligt. Der Gerüstersteller baut auf, prüft das Gerüst nach dem Aufbau und dokumentiert die Prüfung. Am Zugang wird gekennzeichnet, für welche Nutzung und Lastklasse das Gerüst freigegeben ist. Viele Dachdeckerbetriebe stellen ihren Dachfang selbst. Dann übernehmen sie auch diese Pflichten.

Jeder Betrieb, der das Gerüst nutzt, prüft es vor Arbeitsbeginn auf offensichtliche Mängel. Fehlt ein Netzfeld, ist eine Konsole verschoben oder ein Halter gelöst, wird das gemeldet und vor der Nutzung behoben. Wer ein eigenes Gerüst für die Sanierung seines Hauses stellt, braucht für den Aufbau eine fachkundige Person, die das Gerüst nach AuV errichtet und prüft. Ein beauftragter Dachdecker wird ein Gerüst ohne nachvollziehbare Prüfung zu Recht nicht betreten.

Checkliste: typische Fehler beim Gerüst für die Dachsanierung

  • Oberster Belag zu tief unter der Traufkante, weil das Höhenraster nicht vorab berechnet wurde
  • Schutzwand zu niedrig für die tatsächliche Dachneigung
  • Giebelseiten nicht eingerüstet, Ortgang ohne Sicherung
  • Übergabestelle des Aufzugs dauerhaft offen statt nur bei Bedarf
  • Ziegelpakete auf einem einzigen Feld gestapelt
  • Altmaterial über die Schutzwand geworfen statt über die Rutsche entsorgt
  • Plane oder Wetterschutz nachgerüstet, ohne die Verankerung anzupassen
  • Schutzwand vor dem Abschluss der Rinnenarbeiten entfernt
  • Kein Schutzdach über dem Hauseingang, obwohl die Bewohner das Haus weiter nutzen

Solaranlage gleich mitdenken

Viele Dachsanierungen gehen heute mit einer Photovoltaikanlage einher. Das ist sinnvoll, denn das Gerüst steht ohnehin. Die Module werden nach der Eindeckung montiert, oft von einem anderen Betrieb. Klären Sie früh, ob dieser Betrieb das vorhandene Dachfanggerüst nutzen kann und ob er einen zusätzlichen Aufzug für die Module braucht. Hinweise dazu enthält unser Beitrag zum Gerüst für die Photovoltaik-Montage.

So bereiten Sie den Aufbau vor

Bitten Sie den Dachdecker um drei Angaben: die Dachneigung, die genaue Traufhöhe an allen Seiten und die Position des Aufzugs. Mit diesen Zahlen berechnen Sie das Höhenraster so, dass der oberste Belag passend unter der Traufkante liegt. Planen Sie die Giebelgerüste mit Abstufungen, ein Schutzdach über dem Eingang und eine Stelle für Container und Schuttrutsche. Den Materialbedarf für Gerüst, Konsolen und Schutzwand ermitteln Sie im Gerüstkalkulator. Erst wenn das Gerüst geprüft und freigegeben ist, wird das erste Ziegelfeld geöffnet.

Perguntas frequentes

Darf ich das Dachfanggerüst später als Fassadengerüst weiterverwenden?
Ja, die unteren Lagen bleiben ein normales Arbeitsgerüst. Wird nach dem Dach an der Fassade gearbeitet, kann die Schutzwand oben abgebaut werden, sobald niemand mehr auf dem Dach ist. Jede solche Änderung erfordert eine erneute Prüfung.
Netz oder Gitter in der Schutzwand: was ist besser?
Ein Netz ist deutlich leichter und schneller montiert, ein Schutzgitter ist robuster gegenüber Ziegelbruch und spitzen Teilen. Welches Element zulässig ist, legt die AuV fest. Viele Betriebe kombinieren beide, etwa Gitter an der Übergabestelle und Netze im Rest.
Kann ich bei einer Teilsanierung nur eine Dachseite einrüsten?
Ja, wenn nur auf einer Dachseite gearbeitet wird und niemand die andere Seite betritt. Der Dachfang muss dann über die volle Länge der bearbeiteten Traufe reichen, und an den Enden muss der Ortgang gesichert sein.
Was ist bei Reetdächern oder Schieferdächern anders?
Bei sehr steilen Dächern steigen die Anforderungen an Schutzwand und Arbeitsplätze, und Dachdecker arbeiten zusätzlich mit Dachleitern und Konsolen auf der Dachfläche. Schiefer ist schwer und bruchempfindlich, was die Übergabe am Gerüst anspruchsvoller macht. Klären Sie die Anforderungen mit dem ausführenden Betrieb.
Wer haftet, wenn ein Ziegel vom Dach auf das Nachbargrundstück fällt?
Das hängt vom Einzelfall und von den vertraglichen Absprachen ab. Grundsätzlich müssen alle Beteiligten Schäden durch geeignete Schutzmaßnahmen vermeiden. Klären Sie Haftungsfragen vorab mit Ihrer Versicherung und dem ausführenden Betrieb.
Wie lange steht ein Gerüst bei einer Dachsanierung typischerweise?
Für die reine Neueindeckung eines Einfamilienhauses rechnen viele Betriebe mit einigen Wochen. Kommen Dämmung, neue Gauben oder eine Solaranlage hinzu, wird es entsprechend länger. Wetterbedingte Pausen sind im Zeitplan einzuplanen.

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