Gerüst im Winter: Schnee, Eis und Frost auf der Baustelle

Eine Baustelle im Dezember fühlt sich anders an. Morgens liegt Raureif auf den Stahlböden, mittags taut der Boden unter den Fußplatten an, und nachts friert alles wieder fest. Das Gerüst selbst verändert sich nicht, aber alles, was darauf und darunter passiert. Schnee bringt Gewicht, Eis nimmt den Halt, Frost verändert den Untergrund. Dieser Beitrag geht die Winterthemen der Reihe nach durch und endet mit einem Thema, das viele unterschätzen: Schnee vom Dach räumen, wenn ein Gerüst steht.

Auf einen Blick

  • Nassschnee kann auf einem Belag schnell so viel wiegen wie ein Teil der zulässigen Nutzlast. Schnee wird deshalb geräumt, bevor gearbeitet oder Material abgestellt wird.
  • Vereiste Beläge sind eine der häufigsten Unfallursachen im Winter. Streuen Sie mit Splitt oder Sand, nicht mit Salz.
  • Frost und Tauwetter verändern die Tragfähigkeit des Untergrunds. Nach Frost-Tau-Wechseln werden die Fußpunkte geprüft.
  • Dübel und Injektionsmörtel haben Verarbeitungstemperaturen. Anker bei Frost nur nach Herstellerangaben setzen.
  • Dachlawinen können Schutzdach, Schutzwand und Lagen schlagartig belasten. Schnee wird kontrolliert und nie auf das Gerüst geräumt.

Schnee als Last: was auf einem Belag liegen darf

Jedes Arbeitsgerüst hat eine Lastklasse. Sie gibt an, welche gleichmäßig verteilte Last je Quadratmeter Belag zulässig ist: bei Lastklasse 3 sind das 2,00 kN/m², also grob 200 kg je Quadratmeter. Schnee zählt zu dieser Last dazu. Das klingt zunächst harmlos, aber Schnee ist nicht gleich Schnee. Frisch gefallener, lockerer Pulverschnee ist leicht. Setzt er sich, wird er dichter. Nasser Schnee und angetauter Altschnee sind schwer.

SchneeartGewicht je m² bei 10 cm Höhe (grob)Bei 20 cm Höhe
Pulverschnee, frisch5–10 kg10–20 kg
gesetzter Schnee20–30 kg40–60 kg
Nassschnee, Altschnee30–50 kg60–100 kg
Eisrund 90 kgrund 180 kg

Ein Beispiel: Auf einem Malergerüst der Lastklasse 2 sind 1,50 kN/m² zulässig, rund 150 kg je Quadratmeter. Liegen 20 cm Nassschnee darauf, ist schnell die Hälfte davon verbraucht, bevor ein Mensch das Gerüst betritt. Kommt dann ein Handwerker mit Werkzeug und einem Eimer dazu, wird es eng. Bei Gerüsten der Lastklasse 1 mit 0,75 kN/m² kann nasser Schnee allein die zulässige Last erreichen.

Die Folge für die Praxis: Schnee wird von den Lagen geräumt, bevor gearbeitet oder Material aufgelegt wird. Und zwar so, dass er nicht auf darunterliegende Lagen fällt oder Passanten trifft. Einen Schneeschieber aus Kunststoff können Sie auf Stahl- und Aluböden gut verwenden; scharfe Metallkanten beschädigen die Beschichtung. Wie sich die Lastklassen zusammensetzen, erklärt der Beitrag Gerüstlastklassen einfach erklärt.

Schneelast auf Planen, Schutzdächern und Wetterschutzdächern

Noch kritischer als Schnee auf Belägen ist Schnee auf schrägen oder waagerechten Flächen, die nicht für das Begehen gebaut sind. Ein Schutzdach über einem Gehweg fängt herabfallende Teile auf, ist aber nicht dafür ausgelegt, unbegrenzt Schnee zu sammeln. Gleiches gilt für Planen, die sich zwischen zwei Rahmen durchhängen und eine Mulde bilden. Dort sammelt sich Schmelzwasser, friert, und auf der Eisschicht liegt der nächste Schnee.

Für ein Wetterschutzdach nennt die Aufbau- und Verwendungsanleitung zulässige Schneelasten und meist eine Räumpflicht ab einer bestimmten Schneehöhe. Diese Werte müssen eingehalten werden. Bei Planendächern gilt: Schnee früh räumen, bevor er schwer und nass wird. Auf dem Planendach selbst darf in der Regel niemand stehen; geräumt wird von einem sicheren Standplatz aus, etwa von einer Lage am Rand.

Glätte: Raureif, Eis und gefrorener Regen

Stahlböden haben gelochte oder geprägte Oberflächen, die bei Nässe einigermaßen griffig sind. Bei Raureif und Eis hilft das nur noch wenig. Gefährlich sind vor allem Situationen, die man nicht sieht: ein dünner Eisfilm nach Nieselregen bei Frost, Tauwasser von der Fassade, das auf den unteren Lagen gefriert, oder Eis auf Leitersprossen.

  • Streuen mit Splitt oder Sand: Salz beschleunigt die Korrosion an verzinkten Stahlteilen und greift Aluminium an. Wenn doch Salz verwendet wurde, die Teile nach dem Winter gründlich mit Wasser abspülen.
  • Splitt wieder entfernen: Liegen Splitt und Sand im Frühjahr noch auf den Böden, wirken sie wie Kugellager. Nach der Frostperiode fegen.
  • Leitern und Treppen zuerst: Der Aufstieg ist der Weg, den alle nehmen. Dort wird zuerst geräumt und gestreut.
  • Schuhe: Profilsohlen ohne Lehm und Eisklumpen. Wer von der Baugrube aufs Gerüst wechselt, klopft die Schuhe ab.
  • Handläufe: Geländer sind im Winter oft vereist. Handschuhe mit griffiger Innenfläche verwenden.

Ob an einem vereisten Morgen gearbeitet werden kann, entscheidet die verantwortliche Person vor Ort. Lässt sich Glätte nicht beseitigen, wird die Arbeit verschoben.

Frost im Untergrund: wenn der Boden arbeitet

Gefrorener Boden trägt sehr gut. Das Problem beginnt beim Auftauen. Wasser, das im Boden zu Eis geworden ist, hat ihn angehoben und gelockert. Taut es auf, wird der Boden weich, und Fußplatten können absacken. Bei wiederholten Frost-Tau-Wechseln, wie sie im deutschen Winter typisch sind, kann sich ein Fußpunkt erst heben und dann setzen. Das Gerüst bekommt dadurch ungleichmäßige Auflagerkräfte.

Besonders anfällig sind:

  • bindige Böden wie Lehm und Ton im Garten oder auf unbefestigten Flächen,
  • frisch verfüllte Arbeitsräume an Neubauten,
  • Stellen, an denen Dachwasser oder Tauwasser hinläuft,
  • Pflasterflächen mit losem Unterbau.

Abhilfe schaffen ausreichend große, lastverteilende Unterlagen, die nicht auf einer Eisschicht oder Schneedecke liegen, sondern auf dem tragfähigen Grund. Schnee wird vor dem Aufbau unter den Fußpunkten entfernt. Fallrohre werden so umgeleitet, dass das Wasser nicht an den Fußplatten vorbeiläuft. Nach jeder längeren Frost- oder Tauperiode werden die Fußspindeln kontrolliert und bei Bedarf nachgestellt. Das gehört zu den Prüfanlässen nach außergewöhnlichen Ereignissen; Näheres steht im Beitrag Gerüstprüfung und Prüfprotokoll.

Anker setzen bei Kälte

Gerüsthalter werden mit Ringschrauben und Dübeln in der Fassade befestigt. Bei Frost ändert sich dabei einiges. Kunststoffdübel werden spröde. Injektionsmörtel braucht bei Kälte deutlich länger zum Aushärten und hat eine Mindest-Verarbeitungstemperatur. Feuchtes Mauerwerk kann im Bohrloch gefrieren, sodass der Dübel auf Eis statt auf Stein sitzt.

Die Regel ist einfach: Die Verarbeitungshinweise des Dübelherstellers gelten auch im Winter, inklusive Temperaturgrenzen und Aushärtezeiten. Bohrlöcher werden ausgeblasen und auf Eis kontrolliert. Wird bei Kälte verankert, lohnt eine Probebelastung der Anker umso mehr. Wie der Auszugsversuch abläuft, beschreibt der Ratgeber Gerüst verankern.

Einhausung und Heizung: Winterbau mit Planen

Damit Putz, Mörtel oder Kleber nicht gefrieren, wird das Gerüst im Winter oft mit Planen eingehaust und von innen beheizt. Das verändert das Gerüst grundlegend:

  • Windlast: Eine geschlossene Plane fängt den vollen Wind. Das Ankerraster muss für Planenbekleidung ausgelegt sein, sonst ist die Einhausung ein Umbau, der neu geprüft wird.
  • Brandschutz: Heizgeräte brauchen den vom Hersteller vorgegebenen Abstand zu Planen und brennbarem Material. Planen sollten ein geeignetes Brandverhalten haben.
  • Abgase: Gas- oder Ölheizer in geschlossenen Einhausungen können gefährliche Konzentrationen von Kohlenmonoxid erzeugen. Für ausreichende Lüftung sorgen oder elektrische bzw. indirekt befeuerte Geräte verwenden.
  • Kondenswasser: Warme, feuchte Luft unter der Plane schlägt sich an kalten Stahlteilen nieder. Morgens sind die Böden innen nass oder vereist.

Die Montage im Winter: langsamer und mit mehr Licht

Mit klammen Fingern ist jede Kupplung schwerer zu greifen, jeder Fallstecker fummeliger. Stahl ist bei Kälte unangenehm zu fassen, Handschuhe nehmen Feingefühl. Planen Sie für Auf- und Abbau im Winter mehr Zeit ein. Ein Einfamilienhaus, das im Sommer an einem Tag eingerüstet ist, kann im Januar bei kurzen Tagen und Kälte deutlich länger dauern.

Die Tage sind kurz. Zwischen Dezember und Februar ist es in Deutschland oft schon gegen halb fünf dunkel. Gerüste am Gehweg müssen dann beleuchtet und gesichert sein. Für die Arbeit auf dem Gerüst braucht es ausreichend Licht, vor allem am Aufstieg.

Auch der Abbau im Winter hat seine Tücken. Kupplungen und Fallstecker frieren fest, Böden kleben am vereisten Riegel. Schlagen Sie festsitzende Teile nicht mit dem Hammer los, sondern lassen Sie sie antauen oder lösen Sie sie mit Gefühl. Ein abgesprungener Boden, der von der vierten Lage fällt, ist im Winter genauso gefährlich wie im Sommer, nur sind die Hände steifer und der Blick unter der Mütze eingeschränkt. Halten Sie die Abbaureihenfolge strikt ein und sperren Sie den Bereich unter dem Gerüst. Material, das nass und mit Schnee verschmutzt vom Gerüst kommt, sollte vor dem Einlagern abtrocknen können. Wer Rahmen und Böden feucht und eng gestapelt in einen geschlossenen Container stellt, findet im Frühjahr Weißrost und festgebackenen Schmutz. Hinweise dazu stehen im Beitrag Gerüst richtig lagern.

Ein Hinweis zum Material: Gerüstrahmen und Rohre haben kleine Entwässerungsbohrungen. Sind sie mit Schmutz oder Beton verstopft, sammelt sich Wasser im Rohr. Gefriert es, kann es das Rohr aufweiten oder aufreißen. Solche Teile zeigen Beulen oder Längsrisse und gehören aussortiert. Wie Material gereinigt und kontrolliert wird, behandelt der Ratgeber Gerüst pflegen und warten.

Schnee vom Dach räumen, wenn ein Gerüst steht

Steht im Winter ein Gerüst am Haus, liegt die Idee nahe, darüber aufs Dach zu steigen und den Schnee abzuräumen. Das ist eine Arbeit mit Absturzgefahr und gehört sorgfältig geplant. Vor allem müssen zwei Gefahren unterschieden werden: der Absturz der Person und der Absturz des Schnees.

Absturz der Person: Ein Gerüst an der Traufe ist nur dann eine Absturzsicherung für Arbeiten auf dem Dach, wenn es als Dachfanggerüst mit Schutzwand ausgeführt ist. Ein gewöhnliches Fassadengerüst, das unterhalb der Traufe endet, hält niemanden auf, der auf dem verschneiten Dach ausrutscht. Ein Dachfanggerüst hat eine Fanglage nahe der Traufe und eine Schutzwand, die über die Traufe hinausragt. Mehr zur Ausführung steht im Beitrag Gerüst bei der Dachsanierung.

Absturz des Schnees: Eine Dachlawine aus nassem Schnee hat erhebliche Masse. Rutscht sie in das Dachfanggerüst, trifft sie die Schutzwand und die Fanglage mit einem Schlag. Die Schutzwand ist für das Auffangen von Personen und kleinen Teilen ausgelegt, nicht für Tonnen von Schnee. Auch Schutzdächer über dem Gehweg sind nicht für Dachlawinen gebaut.

So gehen Sie vor, wenn Schnee vom Dach muss:

  1. Prüfen, ob es überhaupt nötig ist. Bei gewöhnlichen Schneemengen trägt ein intaktes Dach die Last; bei ungewöhnlich großen Mengen, Flachdächern oder Hallen gehört die Beurteilung zu einem Tragwerksplaner oder Fachbetrieb.
  2. Gehweg und Bereich unter der Traufe absperren, bevor die Arbeit beginnt.
  3. Nur arbeiten, wenn eine geeignete Absturzsicherung vorhanden ist: Dachfanggerüst mit Schutzwand oder eine Anschlageinrichtung mit persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz, für deren Benutzung eine Unterweisung erforderlich ist.
  4. Schnee in kleinen Mengen abschieben, von oben nach unten, damit keine große Platte auf einmal abgeht.
  5. Den Schnee nicht auf die Gerüstlagen, sondern über das Gerüst hinweg in den abgesperrten Bereich befördern, wo das möglich ist. Was doch im Gerüst landet, wird sofort von den Lagen geräumt.
  6. Nach dem Räumen Schutzwand, Fanglage und Schutzdach auf Verformungen prüfen.

Lichtkuppeln, Dachfenster und dünne Eindeckungen sind unter Schnee nicht zu sehen und nicht durchtrittsicher. Bei Hallendächern und großen Flachdächern sollten Sie die Räumung grundsätzlich Fachbetrieben überlassen.

Checkliste für die Wintersaison

  • Vor dem ersten Frost: Fußpunkte, Unterlagen und Wasserführung kontrollieren, Fallrohre umleiten.
  • Splitt oder Sand und Kunststoffschieber auf der Baustelle bereithalten.
  • Bei Einhausung: Ankerraster für Planen prüfen lassen, Heizgeräte mit Abstand und Lüftung.
  • Nach Schneefall: Lagen, Aufstiege, Schutzdächer und Planendächer räumen, bevor gearbeitet wird.
  • Nach Frost-Tau-Wechseln: Fußspindeln und Lot prüfen.
  • Bei Pausen über den Jahreswechsel: Gerüst sperren, vor Wiederaufnahme prüfen.
  • Im Frühjahr: Splitt entfernen, Salzreste abwaschen, Rohre mit Beulen aussortieren.

Unsere Empfehlung

Planen Sie den Winter als eigenen Bauabschnitt. Klären Sie vor dem ersten Frost, ob das Gerüst eingehaust werden soll, und lassen Sie die Verankerung dafür auslegen. Halten Sie Streumittel ohne Salz bereit und räumen Sie Schnee jeden Morgen zuerst vom Aufstieg, dann von den Lagen. Wer Schnee vom Dach räumen will, braucht ein Dachfanggerüst mit Schutzwand oder eine andere geeignete Absturzsicherung und einen abgesperrten Bereich darunter. Die Regeln der BetrSichV, der TRBS 2121-1 und der DGUV Information 201-011 gelten im Winter genauso; Fragen zur Anwendung im Einzelfall beantworten Berufsgenossenschaft oder Fachkraft für Arbeitssicherheit. Wenn Sie Material für einen Winterbau ergänzen müssen, etwa Gerüsthalter, Planen oder Schutzwandelemente, sehen Sie unter Gerüstteile nach.

Frequently asked questions

Darf ich ein Gerüst über den Winter stehen lassen?
Ja, Gerüste stehen häufig über Monate, auch über den Winter. Wichtig sind regelmäßige Kontrollen nach Schneefall, Sturm und Frost-Tau-Wechseln sowie eine Prüfung vor der Wiederaufnahme der Arbeit. Bei langen Pausen sollte der Zugang gesperrt werden.
Rosten verzinkte Gerüstteile im Winter schneller?
Die Verzinkung schützt den Stahl gut, Streusalz beschleunigt aber den Abtrag. Auch Spritzwasser von gesalzenen Straßen und Gehwegen wirkt auf die unteren Lagen. Spülen Sie betroffene Teile nach dem Winter mit klarem Wasser ab und lagern Sie sie trocken.
Werden Holzbohlen im Winter zum Problem?
Holzbohlen nehmen Feuchtigkeit auf, werden schwer und können bei Frost glatt und rissig werden. Sie sollten nach dem Einsatz trocken und belüftet lagern. Bohlen mit Rissen, Fäulnis oder gebrochenen Beschlägen werden aussortiert.
Ist Aluminium bei Frost spröde?
Die üblichen Aluminiumlegierungen im Gerüstbau behalten ihre Zähigkeit auch bei winterlichen Temperaturen. Spröder werden eher Kunststoffteile wie Abdeckkappen, Dübel oder Rollenbeläge an Fahrgerüsten. Diese Teile verdienen im Winter besondere Aufmerksamkeit.
Wer haftet, wenn Schnee vom Gerüst auf den Gehweg fällt?
Für Gefahren, die vom Gerüst ausgehen, kann die Verkehrssicherungspflicht greifen, die je nach Vertrag und Situation beim Bauherrn, beim Gerüstersteller oder bei weiteren Beteiligten liegt. Die genaue Verteilung ist eine Rechtsfrage. Praktisch heißt das: Bereiche unter dem Gerüst bei Schneefall absperren und Schnee nur kontrolliert räumen.
Kann ich Schnee mit dem Laubbläser von den Belägen entfernen?
Lockeren Pulverschnee kann ein Bläser bewegen, nassen Schnee kaum. Achten Sie darauf, dass der Schnee nicht auf Passanten oder untere Lagen geblasen wird. Ein Kunststoffschieber ist auf dem Gerüst meist die zuverlässigere Wahl.

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